10. November 2017

Sepp Herberger wäre bestimmt stolz darauf, was seine Enkel getreu seinem Lebensmotto „Wer oben ist, darf die unten nicht vergessen“ im Jahr 2017 leisten. Eine Podiumsrunde im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund zeigte nun, dass Gutes tun manchmal gar nicht so einfach ist. Der Abend zum Thema Sportstiftungen unter der Überschrift „Herbergers Enkel: Sportlich erfolgreich, sozial engagiert“ bot einen Einblick in die vielfältige Stiftungsarbeit im Land des Weltmeisters.

Stiftungen sind Instrumente bürgerlichen Engagements

Von rund 20.000 Stiftungen in Deutschland sei jede zehnte eine sportfördernde Stiftung, sagte Sønke Burmeister in seiner Einführung. Burmeister ist Leiter des Forums Sport und Bewegung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, der die Veranstaltung ebenso unterstützte wie die DFB-Stiftung Sepp Herberger. „Stiftungen sind nichts anderes als Instrumente bürgerlichen Engagements, wer sich dauerhaft in einem bestimmten Bereich, der ihm besonders wichtig ist, engagieren will, kann das in einer Stiftung tun“, erklärte Burmeister, ehe er das Wort an Miriam Herzberg übergab.

Talkrunde mit DFB-Vize, BVB-Profi und Zehnkampf-Olympiasieger

Die Leiterin Medien und Kommunikation beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig führte kenntnisreich durch den Abend, nicht zuletzt dank ihrer Funktion als geschäftsführender Vorstand der Eintracht-Braunschweig-Stiftung. Dass die Runde über die angepeilten 90 Minuten hinaus in eine halbstündige Verlängerung ging, war den spannenden Gästen zu verdanken: BVB-Profi und Stifter Neven Subotic, Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk sowie Eugen Gehlenborg, der als DFB-Vizepräsident für Sozial- und Gesellschaftspolitik gleichzeitig auch Vorsitzender der DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger ist.

Gehlenborg (R.): „Wo eine WM war, hat sich der DFB sozial engagiert“

Gehlenborg erinnerte an Herberger, wie dieser 1970 erstmals die Justizvollzugsanstalt Bruchsal besuchte, woraus sich später die Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung entwickelte. Der Weltmeister-Trainer von 1954 habe auch immer wieder seine Spieler dazu ermuntert, sich für andere einzusetzen, berichtete Gehlenborg: „Seine soziale Einstellung war: Wir können über den Fußball vieles zurückgeben, weil wir die Menschen durch den Fußball direkt erreichen.“

„Ihr erreicht die Menschen mit Fußball“

Beeindruckt von der Strahlkraft des Fußballs zeigte sich auch Olympiasieger Christian Schenk. „Rund zwei Drittel der Deutschen interessieren sich für Fußball“, sagte der 52-Jährige, der nach seiner Karriere in vielen sozialen Projekten engagiert und seit 2016 Vorstand der Stiftung Herzenswunsch mit Sitz in Teltow ist. „Es ist ein großes Glück, dass ihr die Menschen mit Fußball erreicht“, so der Goldmedaillengewinner von 1988, der auch als TV-Experte und Eventagenturinhaber erfolgreich ist, in Richtung von Neven Subotic.

Seit Kurzem koordiniert Christian Schenk auf der Ostseeinsel Rügen die Bereiche Sport und Kultur in der Stadtverwaltung von Bergen. Schenk betonte, der Fußball als Massenphänomen bringe eine besondere gesellschaftliche Verantwortung mit sich.

Subotic: „Welt ist größer als die zwei, drei Kilomter um mich herum“

Dieser stellt sich Neven Subotic seit geraumer Zeit, seit 2012 auch in der Neven-Subotic-Stiftung. Zuvor hatte der Profi von Borussia Dortmund sich mit existenzielleren Fragen beschäftigt: „Ich habe mich gefragt: Ist es wirklich richtig, dass der Fokus der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt auf sich selbst gerichtet ist?“ Die Antwort darauf fand er in der Gründung seiner eigenen Stiftung. Die setze sich dafür ein, „Kindern in den ärmsten Ländern der Welt eine Zukunftsperspektive zu schaffen“, so der 28-Jährige.

Subotic (M.): „Zukunfsperspektive für Kinder in ärmsten Ländern“

In der Winter- und Sommerpause hilft er selbst mit, die Wasserprojekte in Äthiopien zu unterstützen, etwa beim Brunnenbau. Die Beweggründe für seinen Einsatz? „Das ging nicht von einem Tag auf den anderen“, sagte der bosnisch-serbische Kriegsflüchtling, der 1990 nach Deutschland kam. Seine eigene Familie habe ihm das vorgelebt, auch wenn sie nicht privilegiert gewesen sei. „Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater arbeitete auf dem Bau, aber sie haben sich für andere Menschen eingesetzt, Hilfsgüter in die Kriegsgebiete nach Bosnien geschickt. Da habe ich mitbekommen, dass die Welt größer ist als die zwei, drei Kilometer um mich herum.“

Egidius-Braun-Stiftung weltweit tätig

Weltweit setzt sich auch die DFB-Stiftung Egidius Braun ein. Eugen Gehlenborg verwies auf über 30 Jahre Mexico-Hilfe, die nach der WM 1986 ins Leben gerufen worden war. Unlängst wurde der Neubau einer Berufsschule eingeweiht, wo künftig im dualen System junge Menschen aus- und fortgebildet werden. „Wo Weltmeisterschaften waren, hat sich der DFB auch sozial engagiert – bis heute“, sagte Gehlenborg und sprach vom „doppelten Weltmeister, fußballerisch und sozial“.

Der Niedersachse führte aber auch andere Stiftungen ins Feld: von den Ehrenspielspielführen der Nationalmannschaft Uwe Seeler, Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer zum Beispiel, von Vereinen wie Borussia Mönchengladbach oder dem BVB. „Es gibt immer mehr Stiftungen“, sagte Gehlenborg. Angesichts immer höherer Summen im Fußball und steigender Spielergehälter begrüßte er die Initiative „Common Goal“, bei der Profis wie Weltmeister Mats Hummels ein Prozent ihres Bruttogehalts für wohltätige Zwecke spenden. Dazu der DFB-Vizepräsident: „Da muss ich sagen: Macht es möglichst alle!“

Mit dieser Forderung stieß er bei einem Zuhörer auf besonders offene Ohren: Johannes Axster. Der Non-Profit-Experte ist Direktor Partnerschaften von „Streetfootballworld“, einem gemeinnützigen Netzwerk aus Berlin, das „Common Goal“ angestoßen hat und begleitet. Hinter dem Projekt stecke die „Idee, wie man mit Fußball den sozialen Wandel betreiben kann“, sagte Axster. Von den spendenwilligen Profis seien alle von selbst auf sie zugekommen, erzählte Axster. Der große Wunsch der „Common-Goal“-Initiatoren: „Dass das zum Standard wird, in die Verträge reingeht und so noch mal eine ganz andere Form von Engagement wird.“

Olympiasieger Schenk (Podium, l.): „Ihr erreicht Menschen mit Fußball“

„Arbeit der Stiftungen besser erklären“

Einig waren sich alle Beteiligten über die fehlende Aufmerksamkeit für einen Großteil der vielen Sportstiftungen, teilweise aber auch mangelnde Transparenz. „Es ist ganz wichtig, dass wir die Arbeit der Stiftungen besser erklären“, forderte Christian Schenk. Miriam Herzberg wünschte sich von den Medien eine intensivere Berichterstattung über Sportstiftungen. Eugen Gehlenborg formulierte den Wunsch nach einem Kooperationsgremium der Stiftungen im Fußball, um sich gemeinsam noch stärker und gezielter positionieren zu können.

Gehlenborg sagte, bei allen sozialen Aktivitäten sei es wichtig, „den Anliegen ein Gesicht zu geben, und zwar ein authentisches“. So wie Otto Rehhagel als aktives Kuratoriumsmitglieder der Sepp-Herberger-Stiftung, oder Ottmar Hitzfeld und Oliver Kahn als Botschafter. Gehlenborg nannte auch Oliver Bierhoff, der sich gemeinsam mit seiner Frau Klara für die Mexico-Hilfe engagiert. Oder eben Neven Subotic mit seiner Vita und seinem außergewöhnlichen Engagement. „Wir versuchen, eine Verbindung zu den Menschen herzustellen, wenn es geht persönlich“, meinte der Profi. Eins stehe für seine Stiftung fest: „Wir werden es nicht dazu kommen lassen, dass jemand spendet und dabei gar nicht weiß, was mit dem Geld passiert.“ Diese Einstellung hätte wohl auch Sepp Herberger gefallen.