16. Dezember 2015

Sie wanderten aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika bis hierher. Sie sprechen Paschtu, Farsi, Arabisch. Fern ihrer Heimat, verstehen sie oft die deutsche Sprache nicht, aber den Puls des ihnen noch fremden Landes können sie spüren. „Es ist wichtig, was hier geschieht“, sagt Marianne Langer. „Unsere Jugendlichen sind gut vernetzt und bekommen durchaus mit, dass sie nicht von allen willkommen geheißen werden. Dass sie hier ein- oder zweimal die Woche Fußballspielen können, bedeutet ihnen enorm viel“.

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Der Traditionsklub bietet den jugendlichen Flüchtlingen ein fußballerisches Zuhause

Die Sozialpädagogin leitet ein Flüchtlingsheim an der Berliner Chausseestraße. Der Traditionsklub SC Minerva hat Langers Jugendliche aufgenommen, bietet ihnen einen fußballerischen Zufluchtsort. Wie so viele Vereine in Deutschland. Eine Initiative der DFB-Stiftung Egidius Braun und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration unterstützt die Basis. Marianne Langer sagt: „Während des Verfahrens leben meine Jugendlichen in einer Warteschleife. Der Fußball holt sie da raus.“

Dienstagvormittag in Berlin, es ist kalt, aber für Dezember irgendwie wieder nicht. Das Vereinsheim des 1893 gegründeten SC Minerva Berlin liegt geografisch in Berlin-Mitte, hier an der Chauseestraße, Ecke Boyenstraße fühlt man sich jedoch mehr als Moabiter. Der Stadtteil hat einen hohen Migrationsanteil. Reinhard Grindel ist zu Besuch gekommen. Der DFB-Schatzmeister will einen Scheck überreichen, doch es geht ihm um mehr. „Was hier geleistet wird, ist ohnehin unbezahlbar. Anerkennungskultur ist ein wichtiger Teil des Ehrenamtes“, sagt Grindel und fügt hinzu: „Der demographische Wandel klopft an die Tür eines jeden Vereinsheims“. Umso mehr jetzt, da im laufenden Jahr eine Million Flüchtlinge registriert wurden. Für die Mitte März gestartete Initiative „1:0 für ein Willkommen“ waren ursprünglich 600 Vereine im Jahr 2015 budgetiert. Aktuell sind es 1.337 Vereine, angemeldet und ausbezahlt, und die Blätter der letzten Dezembertage kleben noch am Abreißkalender. Im ganzen Land erleichtern Fußballvereine geflüchteten Menschen das Ankommen – durch das gemeinsame Fußballspielen und vieles mehr. „Unsere Mannschaften engagieren sich weit über die vier Eckfahnen hinaus“, beschreibt Reinhard Grindel. „Genau dieses Engagement möchten wir mit der Zuwendung anerkennen“, so der Niedersachse, der auch die Finanzen der nach Egidius Braun benannten DFB-Stiftung verantwortet.

Özoguz: „Ehrenamtliche Initiativen leisten enorm wichtigen Beitrag!“

Beim SC Minerva engagiert sich etwa Jörn Höckendorf, der eigentlich wenig mit Fußball anfangen konnte, bis sein Sohn dem Spiel verfiel und Höckendorf beim SC Minerva landete. Heute ist er Integrationsbeauftragter des Vereins, den seine Gründer nach der italienischen Göttin der Weisheit und des Handwerks benannten. Weil Höckendorf ein gründlicher Mann und ihm auch beruflich der Umgang mit Behörden vertraut ist, begleitet er die neusten Mitglieder aus aller Welt, wenn sie zum Amt müssen. Höckendorf: „Ich beschwere mich nicht, das ist eine gute Aufgabe, weil ich wirklich helfen kann. Aber man lernt auch das ärmere Berlin kennen.“

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DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel und Staatsministerin Aydan Özoguz überreichen einen Scheck an den SC Minerva Berlin

600.000 Euro waren insgesamt für die Flüchtlingsinitiative budgetiert. Das Geld sollte bis Ende 2016 reichen. Jetzt, im Dezember 2015, sind bereits 668.500 Euro an 1.337 Vereine überwiesen. Und man hat beschlossen, die Initiative bis 2019 fortzusetzen. Aydan Özoğuz schießt rund die Hälfte dazu. Die Staatsministerin freut sich über den Doppelpass mit dem Fußball, denn „Bund, Länder und Kommunen können die Herausforderungen nicht alleine bewältigen“. Özoğuz, Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, sagt: „Die zahlreichen ehrenamtlichen Initiativen, die sich bemühen, den Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern und einen ersten Kontakt zur Aufnahmegesellschaft herstellen, leisten einen enorm wichtigen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge.“

Dietmar Gottemeier ist seit vielen Jahren Vorsitzender des SC Minerva. Vor rund zwei Jahren standen eines Abends Kinder aus der Chausseestraße auf dem Trainingsplatz. „Seitdem integrieren wir Flüchtlinge, wenn möglich in die Wettbewerbsmannschaften.“ Wie in Berlin, so auch anderswo. Reinhard Grindel betont: „Unsere Aktion funktioniert flächendeckend. Aus allen DFB-Landesverbänden gab es mehr Anträge als geplant.“ Der Trend reflektiert sich auch bei den Passausstellungen für Ausländer: 2013 stellten die DFB-Landesverbände 14.000 Spielerpässe für Ausländer aus, 2014 waren es 18.000, im laufenden Jahr bereits 30.000. Der ein oder andere Klub hätte etwa ohne den Zustrom aus Nahost seine zweite Mannschaft abmelden müssen. Doch die Klubs jubeln nicht nur, auch Opfer werden gebracht. So ruft Gottemeier in den kommenden Tagen 31 Klubs an. Das seit 20 Jahren stattfindende Turnier, für den Januar geplant, muss ausfallen. Der Grund: die Turnhalle dient als Notunterkunft für Flüchtlinge.

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Der 1893 gegründete SC Minvera Berlin engagiert sich für Flüchtlinge

„Der Fußball tut uns gut!“

Beileibe kein Einzelfall, sagt Mehmet Matur. Der türkischstämmige Besitzer eines Sportgeschäfts ist seit dem Jahr 2004 Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbandes (BFV). Gemeinsam mit BFV-Präsident Bernd Schultz ist er in das Vereinsheim des SC Minerva gekommen. Integration ist das Thema von Mehmet Matur. Als der britische Thronfolger Prinz Charles und seine Gattin Camilla Berlin besuchten, ließen sich beide von ihm erklären, wie integrativer Fußball im „dicken B“ so funktioniert. „30 Berliner Vereine machen bei der Initiative mit. Manchmal fehlt es an den einfachsten Dingen, etwa einem Pullover für das Wintertraining.“ Im September hatten der DFB und seine Stiftung auch hier geholfen und die Lager leergeräumt. 40 Paletten Ausrüstungsgegenstände im Gesamtwert von über Euro 500.000 wurden in über 670 Paketen an mehr als 300 Vereine  verteilt. Matur sagt: „Den Flüchtlingen wird auf allen Ebenen mit großer Leidenschaft geholfen.“ Aber er weiß auch, dass diese Leidenschaft vor Ort sich verbraucht und dass überforderte Ehrenamtler irgendwann zuhause bleiben. „Bevor das passiert, müssen wir noch bessere Strukturen geschaffen haben“, sagt Matur, der Flüchtlinge im kommenden Jahr als Trainer und Schiedsrichter ausbilden lassen will. Das System soll sich selbst tragen.

Generalsekretär sei er, sagt Tschoumbo Germain, der vor zwei Jahren aus dem Kamerun nach Deutschland kam, und irgendwann den Fußballklub Veteran Flambeau gründete. Rund 20 Flüchtlinge spielen heute in Germains Klub. Der Fußball tue seinen Spielern gut, weiß Tschoumbo Germain, der selbst noch nicht so lange in Deutschland lebt. Denn der Fußball, erklärt der Mann aus der Heimat von Roger Milla, „ist ein Allheilmittel gegen alles, besonders gegen Gewalt und Diskriminierung.“ Und dann lacht er breit übers ganze Gesicht, so wie früher Roger Milla bei seinem Tanz an der Eckfahne.

Ein wenig Afrikas Sonnenschein im ganz, ganz langsam winterlich werdenden Berlin. Schön.