10. August 2015

Nach rund 100 Tagen ist die gemeinsame Initiative „1:0 für ein Willkommen“ der DFB-Stiftung Egidius Braun, der Nationalmannschaft und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration ein voller Erfolg. Mehr als 500 Fußballvereine aus ganz Deutschland haben sich bereits um eine Förderung beworben. Täglich kommen weitere Klubs hinzu. Die in der Regel ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Vereinen leisten Großartiges und zeigen einmal mehr, dass Fußball mehr ist als ein 1:0. SID-Volontär Benjamin Tonn hat sich ein gelungenes Beispiel aus dem Saarland genauer angesehen.

Stefan Kunz hat einen langen Weg vor sich. Der Vertriebsleiter einer Software-Firma muss mit seinem PKW zu einem Termin nach Nürnberg. Vom nördlichen Saarland aus verbringt man pro Fahrt knapp vier Stunden auf der Autobahn. Diese Strecke ist in Sachen Beschwerlichkeit und Distanz aber nicht mit dem Weg zu vergleichen, den Flüchtlinge aus Krisengebieten auf Booten, in engen PKW oder zu Fuß für Frieden auf sich nehmen. Im vergangenen Jahr wurden im gesamten Bundesgebiet mehr als 200.000 Asylanträge gestellt – mehr als dreimal so viele wie noch im Jahr 2012.

Auf fußballerischer Ebene hat es Kunz zwar nicht zum Europameister gebracht, immerhin jedoch zum 1. Vorsitzenden der SG Bostalsee. Deren erste Mannschaft schrieb erst vor einigen Wochen mit dem Sprung in die Landesliga ihr persönliches Sommermärchen. Ein Stückweit abseits des Platzes macht Kunz‘ Klub aus der Gemeinde Nohfelden, im nördlichen Saarland idyllisch zwischen Kaiserslautern und Trier gelegen, noch größere Sprünge. Die seit neun Jahren bestehende Spielgemeinschaft aus den Ortsteilvereinen SC Bosen und FV Gonnesweiler mit insgesamt 680 Vereinsmitgliedern macht sich seit Jahresbeginn vorbildlich für die Integration von syrischen Kriegsflüchtlingen stark und bietet den Neuankömmlingen nicht nur fußballerisch ein neues Zuhause.

Scheckübergabe an den SC Bosen – Saar FV-Präsident Franz Josef Schumann (r) und Vizepräsident Adrian Zöhler (l)

Scheckübergabe an den SC Bosen – Saar FV-Präsident Franz Josef Schumann (r) und Vizepräsident Adrian Zöhler (l)

Rund 25 ehrenamtliche Helfer vermitteln Flüchtlingen Heimatgefühl

Durch die beiden 1.200-Seelen-Dörfer ist längst eine Welle der Hilfsbereitschaft geschwappt. „Heimat ist dort, wo man sich anerkannt fühlt. Das geht hier sehr gut“, sagt der 54-jährige Kunz. Dafür gehen der diplomierte Sozialpädagoge und ein Team aus rund 25 weiteren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern mit individuellen Aufgaben tagtäglich zeitlich und finanziell an ihre Grenzen. Mit dem Erlass des Mitgliedsbeitrags und der Bereitstellung von Fußballausrüstung allein ist es nicht getan. Für die neuen Nachbarn aus Vorderasien organisieren die Vereine unter anderem Sprach- und Kochkurse, helfen bei Behördengängen und vermitteln Praktikumsplätze bei ortsnahen Firmen. „Die Belastung für uns ist schon sehr, sehr hoch. Aber wenn man die Dankbarkeit der Flüchtlinge sieht und merkt, dass man einem Menschen in seiner größten Not helfen kann, möchte man es immer wieder tun“, sagt Kunz.

Staatsministerin Özoğuz: „Der Fußball bringt die Menschen zusammen!“

Mohamad Tarek Abdulhamid (21) und Mohamad Sharik Abdulkarim (25) sind zwei von ihnen. Der Bürgerkrieg und der schreckliche IS-Terror in Syrien zwangen die beiden Freunde zur gemeinsamen Flucht aus ihrer nahezu komplett zerstörten Heimatstadt. Entsprechend traumatisiert landeten sie durch Zufall im Saarland. Der Fußball brachte schließlich Hoffnung, Freude und Zuversicht zurück. „Syrer sind absolut fußballverrückt“, berichtet Kunz aus seinen Erfahrungen.

30 der 39 Neu-Nohfeldener zwischen 18 und 45 Jahren ließen sich inzwischen für eine Mitgliedschaft in Bosen oder Gonnesweiler begeistern. Fünf von ihnen werden sogar im Kader der 2. Mannschaft der SG Bostalsee in der kommenden Saison in der Kreisliga A stehen – darunter die beiden Freunde Tarek und Sharik. Das bundesweite Engagement der Fußballvereine wird auch in der Bundeshauptstadt wahrgenommen: „Die Aufnahme von Flüchtlingen ist derzeit eine der wichtigsten Aufgaben. Die Politik steht vor großen Herausforderungen. Deshalb bin ich dankbar für das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, die sich darum bemühen, Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Gerade der Fußball hat die Kraft, Menschen auch über kulturelle Unterschiede hinweg zusammen zu bringen und den gesellschaftlichen Zusammenhang zu stärken“, betont Staatsministerin Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Syrische Spieler des SC Bosen

Syrische Spieler des SC Bosen

Über 500 Vereine beteiligen sich bisher an Stiftungsinitiative

Das Beispiel des SC Bosen und der FV Gonnesweiler ist nur ein Erfolgsmodell beim Umgang mit Flüchtlingen in deutschen Fußballklubs, das von der DFB-Stiftung Egidius Braun, der Nationalmannschaft und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration mit der gemeinsamen Initiative „1:0 für ein Willkommen“ seit Mitte März gefördert wird. Insgesamt stellen die Partner in diesem und dem nächsten Jahr zusammen 600.000 Euro für die Unterstützung von bis zu 1.200 Fußballvereinen zur Verfügung. Nach rund 100 Tagen haben sich mittlerweile mehr als 500 Vereine aus der gesamten Bundesrepublik an der Aktion beteiligt. Jeden Tag werden es mehr. Der Geschäftsführende Stiftungsvorsitzende Eugen Gehlenborg zieht entsprechend ein positives Zwischenfazit: „Die zusammen mit der Politik initiierte, sehr erfolgreiche Flüchtlingsinitiative verdeutlicht einerseits, dass Integration ein Bestandteil der Alltagsarbeit in den Fußballvereinen ist. Andererseits wird dadurch einmal mehr die verbindende Kraft des Fußballs bestätigt“, so der DFB-Vizepräsident für Sozial- und Gesellschaftspolitik. „Es ist zudem ein Beleg dafür, dass der Fußball als Volkssport seiner sozialen Verantwortung gerecht wird.

Kunz: „Wir sind für die Solidarität sehr dankbar!“

Den pauschalen Zuschuss in Höhe von 500 Euro kann jeder bundesdeutsche Fußballverein beantragen, der einem DFB-Landesverband angeschlossen ist und ein Engagement für Flüchtlinge nachweisen kann. 450 Anträge wurden bereits bewilligt, knapp zwei Dutzend weitere sind in Bearbeitung. In den DFB-Landesverbänden Baden, Bayern, Niedersachsen und Württemberg sind die Mittel, die nach dem Königsteiner Schlüssel vergeben werden, für dieses Jahr vorerst erschöpft. Jedoch gehen erfolgreiche Anträge nicht verloren und gelangen auf eine Warteliste. Darauf werden derzeit 84 Fußballvereine geführt.

Bei Stefan Kunz und seinen Mitstreitern im Saarland ist der Scheck mittlerweile eingetroffen. „Die Förderung der DFB-Stiftung Egidius Braun hilft uns sehr. Wir sind für die Solidarität sehr dankbar“, sagt Kunz. Der Obolus soll in Fußballschuhe, Schienbeinschoner und Lehrmaterial für den Sprachkurs fließen: „Denn die Sprache ist der Schlüssel, um alle Türen zu öffnen.“

Hilfsbereitschaft auch im Profifußball

Der SC Bosen macht sich für die Integration von syrischen Kriegsflüchtlingen stark

Der SC Bosen macht sich für die Integration von syrischen Kriegsflüchtlingen stark

Das Engagement für Flüchtlinge ist dabei nicht auf die oft zitierte Fußballbasis begrenzt. Die Hilfsbereitschaft macht auch vor dem Profifußball nicht halt. Zusammen mit der Beauftragten der Bundesregierung verwirklicht die Bundesliga-Stiftung ein eigenes Flüchtlingsprojekt. Im Rahmen der Initiative „1:0 für ein Willkommen“ wurden zudem bereits die Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth und Eintracht Braunschweig bei ihrem Engagement für Flüchtlinge unterstützt. „Wir sind ein Verein, der in der Stadt Braunschweig und in der Region schon seit vielen Jahren und in unterschiedlichsten Bereichen seiner sozialen Verantwortung gerecht wird. Es ist unsere Pflicht, im Rahmen unserer Möglichkeiten notleidenden Menschen in unserem Umfeld zu helfen. Wir mussten darüber nicht lange nachdenken“, sagt Eintracht-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt.

Der ehemalige Bundesligist übergab Trikotsätze, sammelte 400 Paar Sportschuhe und spendete 6.000 Euro aus einer Versteigerungsaktion. „Mit dem Geld der DFB-Stiftung wird künftig zwei Mal in der Woche ein Fußballtrainer die Jugendlichen trainieren. Ziel ist es, die Spieler so auch in die lokalen Fußballvereine zu integrieren“, erklärt Voigt.

Nicht erst jetzt wird einmal mehr klar: Der Fußball ist ein geeignetes Instrument zur Völkerverständigung. „Eine Gemeinschaft, ein klares Regelwerk und intensive Emotionen: Alles was wichtig ist, um Integration zu leisten, findet sich bei einem Fußballverein wieder“, betont Kunz und spricht damit Egidius Braun aus der Seele. Denn Fußball ist bekanntlich mehr als ein 1:0.