15. Mai 2015

Diesen malerischen Blick auf die harmonische Seenlandschaft der Holsteinischen Schweiz haben Generationen von Nationalspielern genießen können – von Karl-Heinz Schnellinger bis Rudi Völler. Die Sportschule Malente bot immer beste Bedingungen, zweimal wurde die deutsche Mannschaft später Weltmeister. Hier auf den Plätzen der Sportschule trainierte das Team. Harmonisch war es nicht immer. Gerade 1974 krachte es auch schon mal, Prämienstreit und die 0:1-Niederlage gegen die DDR mussten bewältigt werden. Doch der Zusammenhalt wuchs. Der „Geist von Malente“ hat seitdem sprichwörtliche Bekanntheit.

Gemeinsam im Uwe-Seeler-Fußballpark am Ball: die Ampu-Kids

Gemeinsam im Uwe-Seeler-Fußballpark am Ball: die Ampu-Kids

Mitte 2015 spielt in Malente eine andere Mannschaft Fußball, DFB.de-Redakteur Thomas Hackbarth war mit vor Ort. Die „Ampu-Kids“, das sind 16 Kinder im Alter von vier bis 18 Jahren. Sie alle haben schon im jüngsten Alter eine Gliedmaße verloren, tragen hier ein Turnier aus, gespielt wird gemeinsam mit den Eltern. „Kinderträume“, eine von der deutschen Nationalmannschaft gestartete und bis heute zusammen mit der DFB-Stiftung Egidius Braun betriebene Initiative, trägt einen Teil der Kosten des knapp einwöchigen Aufenthaltes.

Marie Hammer, 6 Jahre und aus Hildesheim, ist so ziemlich die Kleinste hier und wenn man Marie fragt, was sie am liebsten macht, sagt sie ohne Zögern: „Tanzen“. Fußball spielt Marie aber auch sehr gut, ihre Mannschaft gewinnt das Turnier, und den Pokal bekommt schließlich die kleine Marie überreicht.

DFB.de: „Frau Hammer, ihre Tochter trägt links eine Armprothese. Wie kam es dazu?“
Magdalena Hammer: „Ein Geburtsfehler, später musste der Arm amputiert werden. Die ersten Monate danach waren sehr hart, inzwischen können wir damit umgehen.“

DFB.de: „Ist Marie in einem Sportverein angemeldet?“
Magdalena Hammer: „Einmal die Woche geht sie zur Hypotherapie, das Reiten fördert ihren Gleichgewichtssinn. Nächstes Jahr will ich sie in einem Tanzverein anmelden.“

DFB.de: „Sie verbringen ein paar Tage hier in Malente, gemeinsam mit anderen Eltern von amputierten Kindern. Warum ist das eine gute Sache?“
Magdalena Hammer: „Weil der direkte Austausch Gold wert ist. Durch die Gespräche lerne ich viel: über neue Prothesen, Angebote der Krankenkassen, andere finanzielle Unterstützungen. Und Marie sieht einfach mal, dass sie nicht die einzige ist auf der Welt, dass auch andere kleine Kinder mit einer Amputation klarkommen.“

 

Andrea Vogt-Bolm und ihre Ampu_Kids

Andrea Vogt-Bolm und ihre Ampu-Kids

„Ampu-Kids“ begleitet betroffene Kinder und ihre Eltern im „Leben danach“

Ampu-Vita e.V. ist ein Institut für Amputations-Vorsorge und Integration. Andrea Vogt-Bolm hatte vor fast zehn Jahren die Idee, und als immer mehr Eltern sich bei ihr meldeten, erweiterte sie die Beratungspalette durch „Ampu-Kids“. 70.000 Erwachsene werden jährlich in Deutschland amputiert, bei Kindern sind es 1000 Amputationen pro Jahr. Ursächlich sind Krebserkrankungen, angeborene Fehlbildungen und Unfälle. Besonders heimtückisch ist das Bakterium Meningokokken, betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder. Die Ursache des auftretenden schweren Fiebers wird allzu oft nicht sofort erkannt. Häufig kommt es zu mehrfachen Amputationen. „Kinder kommen mit der Situation besser zurecht als die Eltern“, berichtet Andrea Vogt-Bolm, der als kleines Kind der Unterschenkel amputiert wurde. „Ich litt nie darunter. Heute versuche ich aus meinem uneingeschränkten Leben heraus anderen zu helfen.“ Ein Artikel im „Hamburger Abendblatt“ macht ihr Angebot bekannt, das Telefon habe dauergeklingelt. 2010 wurde ihre Idee mit einem „Bambi“ ausgezeichnet, die 120.000 Euro Preisgeld halfen weiter, denn Ampu-Vita wird ohne jede Abhängigkeit zur Pharmazie oder prothetischen Industrie betrieben. „Ich kann den Eltern doch nicht zum Abschluss eines Beratungsgesprächs die Visitenkarte eines Unternehmens geben. Das passt nicht. Dasein ist ungeheuer wichtig, ich habe schon ein paar Nächte in Krankenhäusern verbracht“, berichtet sie. Zweimal im Jahr lädt sie Eltern und Kinder zu Kurzferien ein, diesmal eben nach Malente.

Elijah Mesghenna, 5 Jahre, mussten wegen einer Meningokokken-Infektion beide Unterbeine amputiert werden. Rechts fehlt ihm auch das Knie. Die Kinder auf einem Bein sind schneller als er. Aber geschenkte Abspiele, ein mitleidiges Mitmachen lassen, gibt es in Malente nicht. Jeder muss klarkommen. Irgendwann steht Elijah mitten auf dem Mini-Spielfeld in Malente und ruft mit tränenerstickter Stimme „Ich hasse Fußball“.

DFB.de: „Frau Mesghenna, wie alt war Elijah als er erkrankte?“
Miriam Mesghenna: „Elijah war 20 Monate alt. Es war eine furchtbare Zeit. Du denkst, du hast ein gesundes Kind auf die Welt gebracht, und plötzlich ändert sich alles. Die ganze Welt fällt ineinander. Über Wochen spürte ich diesen Knoten im Hals. Fast ein Jahr haben wir im Krankenhaus verbracht, ich war immer da.“
DFB.de: „Wie schwer ist es, Elijah so ein Spiel durchstehen zu lassen?“
Miriam Mesghenna: „Sehr schwer. Ich verstehe, was da abläuft, dass er frustriert ist und dass das halt raus muss. Jetzt machen wir etwas Schönes. Er mag Breakdance. Ich habe ihn gerade bei uns zuhause in Mainz bei einem Verein angemeldet, der eine Breakdance-Gruppe anbietet.“

 

Scheckübergabe mit SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer und SHFV-Vorstand Eddy Münch

Scheckübergabe mit SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer und SHFV-Vorstand Eddy Münch

DFB-Stiftung Sepp Herberger fördert Inklusion in den Landesverbänden

Das gemeinsame Sporttreiben von Menschen mit und ohne Behinderung wird in Deutschland Normalität. Alleine im Bayrischen Fußball-Verband machen 270 Fußballvereine ein „Inklusionsangebot“. Im Fußballverband Niederrhein laufen bereits zwei Ligen, in denen nicht-behinderte und behinderte Menschen gemeinsam Fußball spielen. Der DFB fördert die Entwicklung, etwa indem die DFB-Stiftung Sepp Herberger in jedem Landesverband einen „Inklusionsbeauftragten“ finanziert. Erste Verbände flexibilisieren ihre Satzungen und erlauben, dass ein behindertes Kind auch mal ein paar Jahrgänge zurückgestellt werden kann. „Vieles kann geklärt werden, wobei Regelungen auch wettbewerbssicher sein müssen“, sagt Tobias Wrzesinski, stellvertretender Geschäftsführer der Braun-Stiftung und der DFB-Stiftung Sepp Herberger. Als ein Schiedsrichter im Südwesten einen einarmigen C-Jugendlichen beim Einwurf zurückpfiff (weil die Regel einen beidarmigen Einwurf vorschreibt), fand sich auch eine Lösung. Wie eigentlich schon immer unter Fußballern üblich. Wrzesinski: „Vieles von dem, was wir heute Inklusion nennen, ist doch schon immer ein Teil des Fußballs gewesen.“

So groß die Herausforderung sein mag – gemeinsam kann man alles schaffen

Otto Stecker, 10 Jahre, lebt mit seinen Eltern in Hamburg, Fan ist er aber von Real Madrid. Was bestimmt mit fußballerischer Klasse zu tun hat, aber eben auch damit, dass Otto in Madrid geboren wurde. „Raul und CR7 sind meine Lieblingsspieler“, sagt Otto und schießt dann mit seinem einen Bein mal schnell zwei Tore.

DFB.de: „Herr Stecker, was bedeutet Fußball für Ihren Sohn Otto?“
Jens Stecker: „Alles. Wir spielen dauernd zuhause und haben schon den ganzen Rasen kaputt gehauen. Wenn er nicht selbst kickt, spielt er Fußball auf der Playstation. Otto denkt, dass er alles machen kann. Eigentlich ist das total positiv, aber manchmal halte ich schon die Luft an.“
DFB.de: „Gibt es in Hamburg die Möglichkeit, Otto im Verein anzumelden?“
Jens Stecker: „Bislang nicht. Basketball wird als Prothesensport angeboten, aber kein Fußball. Es gibt einfach auch nicht so viele ‚Prothesen-Kinder‘. Man muss viel kämpfen, so einfach ist es nicht. Weil er in Spanien geboren wurde, würden wir Otto gerne auf ein bilinguales Gymnasium schicken. Doch weil die Entfernung zwei Kilometer über dem Regelsatz liegt, will die Krankenkasse nicht die Busabholung bezahlen. Er ist ein guter Schüler. Ich sage ihm immer: ‚Du musst stark im Kopf sein‘.“

DFB.de: „Spielen Sie auch selbst noch?“
Jens Stecker (lacht): „Ja, obwohl ich gerade 40 wurde. Man ist praktisch dauernd verletzt, aber ich kann’s einfach nicht lassen.“

Die DFB-Stiftung Egidius Braun hat Jens Stecker bereits einen Verein für seinen fußballbegeisterten Sohn empfohlen und wird sich zusammen mit der Sepp-Herberger-Stiftung bemühen, dass Otto auch dort Tore schießen kann. Schließlich steht der „Geist von Malente“ doch vor allem für die Gewissheit, dass man, so groß die Herausforderung auch sein mag, gemeinsam alles schaffen kann.